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Studie: Rassistische Neonazi-Morde in Deutschland: Gefühlslage und Meinungen der türkischen Migranten. Die türkischen Migranten haben das Vertrauen in den deutschen Staat in großem Maße verloren…


  

 Das Zentrum für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe Universität Ankara hat gemeinsam mit dem in Berlin ansässigen Meinungsforschungsinstitut SEK-POL/Data4U eine öffentliche Studie durchgeführt, die das Ziel hatte, die Gefühle, Meinungen und Vorstellungen der türkischen Migranten über die seit 2000 ausgeübten rassistischen Angriffe der Neonazi- Bewegung darzustellen.

Die Forschung, die die Überschrift “Rassistische Neonazi- Morde in Deutschland: Eine Studie zur Gefühlslage und Meinungen der türkischen Migranten” hat, wurde unter 1.058 in Deutschland lebenden türkischen Migranten telefonisch (CATI) durchgeführt. Befragt wurden repräsentativ ausgewählte Personen über 14 Jahre im Zeitraum von 5.12.-15.12.2011. Der Fragebogen bestand aus 36 Fragen.

Der Leiter des Zentrums für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe Universität Assoc. Prof. Dr. M. Murat Erdogan hat den Bericht und insbesondere die Analyse der Studie mithilfe der Mitarbeiter von HÜGO und des SEK-POL/Data4U Forschungsinstituts ausgearbeitet. Das Institut Data4U, das von Umut Karakas und Joachim Schulte geleitet wird, führt seit über 20 Jahren unter anderem soziale, politische und kulturelle Studien unter den in Europa und vor allem in Deutschland lebenden türkischen Migranten durch. Unter anderem wurden von der Data 4U Studien zum Wahlverhalten der Deutsch-Türken oder auch über die durch die Thesen von Thilo Sarrazin entfachte Diskussionen durchgeführt. – SEK-POL ist eine gemeinsame Initiative des Institutes mit zahlreichen weiteren Wissenschaftlern, die sich für mehr soziale, politische und kulturelle Forschung mit und unter Migranten einsetzt.

ERGEBNISSE DER AKTUELLEN FORSCHUNG

• In der Studie wurde zunächst versucht herauszufinden, wie groß das Interesse der Deutsch-Türken am Thema “Rassistische Neonazi- Morde in Deutschland“ ist und wie sie sich über dieses Thema informieren. Es zeigte sich, dass 87% der türkischen Migranten die Ereignisse hautnah verfolgen und ihre Quellen überwiegend türkische Medien sind.  

• Die in Deutschland lebenden türkischen Migranten nehmen die durch die Neonazis begangenen Morde trotz populistischer Aussagen mit großer Gelassenheit und Reife auf. Sie setzen diese Ereignisse nicht mit der deutschen Gesellschaft in Verbindung und vermeiden somit Anschuldigungen der Deutschen.

• Die Mehrheit der türkischen Migranten (78%) bringen die Morde nicht mit der deutschen Gesellschaft als Ganzes, sondern mit einer radikalen Gruppierung in Verbindung. Nur etwa 2% der Befragten sind der Ansicht, dass “die Morde durch die deutsche Gesellschaft begangen wurden” und nur etwa 7% glauben, dass “ein großer Teil der deutschen Gesellschaft” für die Morde mitverantwortlich ist.

• Die türkischen Migranten haben das Vertrauen in den deutschen Staat in großem Maße verloren. Die Frage “Wurden Ihrer Meinung nach die Mörder vom deutschen Staat gefördert oder gar beschützt?” wird zu 55% mit “ja” beantwortet. Nur etwa 21% dagegen glaubt dies nicht. (Folie Nr.:6) Hintergrund des großen Misstrauens der türkischen Migranten gegenüber dem deutschen Staat ist insbesondere die Tatsache, dass die Täter der seit 2000 ausgeübten Morde nicht gefasst wurden und die Nachrichten und Informationen über Beziehungen der Neo-Nazis zu einigen Mitarbeitern des Verfassungsschutzes. Dies hat das Misstrauen gegenüber dem deutschen Staat erheblich gesteigert.

• Über zwei Drittel (67%) der türkischen Migranten befürchten weitere rassistisch motivierte Morde in Deutschland und fast 40% haben konkret Angst davor, dass sie selbst oder Freunde und Bekannte Opfer des Neo-Nazi-Terror werden könnten.  

• Trotz dieser Besorgnis überwiegt bei den türkischen Migranten als generelle Reaktion auf die Mordserie nicht “die Angst” (8%) oder die „Wut“ (12%) sondern mit 74% “die Trauer”.

• Annähernd 60% der türkischen Migranten sind der Ansicht, dass die deutschen Politiker die Ereignisse am liebsten vertuschen und unter den Teppich kehren möchten.

• Der Anteil der türkischen Migranten, die daran glauben, dass die deutschen Politiker betroffen sind und versuchen eine Lösung zu finden, liegt bei etwa 35%.

• Nur etwa ein Drittel der türkischen Migranten sehen die “Entschuldigung” des Bundestags als Reue und glaubhafte Trauer der deutschen Verantwortlichen. Fast 60% hingegen stimmen dem Statement „Die Deutschen sind wegen der Ereignisse traurig und erklären ihre Trauer glaubhaft." nicht zu.

• Trotz dieses aktuellen Stimmungsbildes haben türkische Migranten bewiesen, dass sie ein unzertrennlicher Teil Deutschlands geworden sind. Ein großer Teil der türkischen Migranten (77%) wollen ihr Leben weiterhin in Deutschland führen. Trotz dieser Vorfälle liegt der Anteil derjenigen, die aufgrund der Vorkommnisse “sicher in die Türkei zurückkehren” wollen bei nur 4%.  Eines der Hauptziele der Mörder, die türkische Gesellschaft zu verunsichern und somit ihre Rückkehr in ihr Heimatland zu erzwingen, ist somit aufgrund des Verhaltens der türkischen Migranten gescheitert

• Türken glauben daran, dass eine größere politische Teilhabe von Migranten integrationsfördernd sein kann und ausländerfeindliche Aktivitäten beenden wird.

• Türkische Migranten haben ihre Zugehörigkeit zu Deutschland trotz der Neo-Nazi-Aktionen und trotz der Ansicht, dass die Neonazis vom deutschen Staat unterstützt und geschützt werden, erneut unterstrichen. 75% der Türken glauben daran, dass sie sich in die deutsche Gesellschaft mehr oder weniger vollständig integriert haben.  Es zeigt sich also, dass türkische Migranten trotz der Geschehnisse nicht den Konflikt, den Hass und die Angst, sondern das gemeinsame Zusammenleben in den Vordergrund rücken. Dieses Ergebnis der Studie gibt den Integrationsdebatten in Deutschland eine neue Dimension. Das Problem sollte - statt in der angeblichen Integrationsunwilligkeit - vielmehr in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Türken gesucht werden.

12.01.2012

 

 

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Donnerstag, 23. Februar 2012
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